Wohlmeinende Mitmenschen haben mich bereits vor meiner Abreise mit langen Listen jener Plätze und Dinge versehen, die ich während meiner Zeit im Iran unbedingt sehen müsse. Auf allen Listen stand “Darband” ziemlich weit oben. Darband (دربند) war früher mal ein Dorf, gehört aber mittlerweile zu Teheran und liegt oberhalb des Meydun-e Tadjrisch, also nicht weit entfernt von meiner Universität. Für die Teheraner ist Darband nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel, sondern – aufgrund seiner Lage in den Bergen und der dadurch besseren Luft – auch ein Fluchtpunkt vor den drückenden Abgasen der Innenstadt.
Nach dem Unterricht heute habe ich mich zu Fuß auf den Weg gemacht. Im Nachhinein ärgere ich mich ein bißchen, daß ich nicht zunächst nach Hause gefahren bin und die große Fotoausrüstung mitgenommen habe. So hatte ich nur eine kleine Kamera, dafür aber auch meine ganzen Schulsachen dabei. Tja, dumm gelaufen…
Direkt vom Meydun-e Tadjrisch geht es auf einer zunächst noch relativ breiten und viel befahrenen Straße steil bergauf, bis man nach einiger Zeit an einen einladenden Platz mit vielen Läden und Restaurants kommt, den Meydun-e Darband. Ab dort werden die Straßen enger und der Verkehr weniger, was in Verbindung mit dem winterlichen Klima und dem Schnee für eine schöne Stimmung sorgt.
Ich bin also immer weiter nach oben gegangen, bis ich nach längerem Marschieren schließlich zu einem kleinen, verwinkelten Dorf kam. Da überall Schnee lag und die Iraner offensichtlich auch in den höheren Regionen nichts vom Schneeräumen halten, war alles spiegelglatt. Auf einer der recht tristen Straßen spielte gelangweilt ein etwa sechs oder sieben Jahre altes Mädchen. Als es mich erblickte, änderte sich seine Stimmung schlagartig: Es kam auf mich zu und fing freudig an, mich tausend Dinge zu fragen…woher ich komme, wie mein Name sei, was ich im Ort mache und so weiter und so fort.
Während ich mit Händen, Füßen und meinen drei Brocken Persisch dabei war, den drängendsten Anliegen des Mädchens zumindest ansatzweise gerecht zu werden, kam ein alter Mann um die Ecke und erblickte uns beide auf der ansonsten menschenleeren Straße. Meine spontane Einschätzung der Situation ergab, daß besagter Mann mindestens 120 Jahre alt, von gefestigtem Glauben und ein energischer Verfechter der Todesstrafe sein müsse. Jedenfalls kam er schnurstracks auf uns zu, nahm das Mädchen schützend beiseite und fragte es, was ich von ihm wolle.
Das Mädchen erklärte freudestrahlend, daß sie mich angesprochen habe, weil sie wissen wollte, wer ich bin. Offensichtlich war das nicht die Antwort, die der Mann erwartet hatte, so daß er mürrisch weiterzog. Ich tat es ihm wenig später gleich, da der Ort ansonsten nicht viel zu bieten hatte und ich den unterhaltungstechnischen Höhepunkt des Tages ganz offensichtlich bereits erlebt hatte.
Bergab wurde ich – wie bereits bergauf – von einigen Taxis überholt, deren Fahrer alle nicht verstehen konnten, daß es Leute gibt, die freiwillig den langen Weg zu Fuß beschreiten, statt sich den komfortablen Sitzen und dem automobilen Flair eines Paykan anzuvertrauen. Alles in allem war ich rund sechs Stunden unterwegs, bis ich schließlich wieder am Meydun-e Tadjrisch ankam. Ein schöner Ausflug, der bei Frühlingswetter bestimmt noch mehr Spaß macht.




ich will nicht so ein langen weg gehen ich würde lieber mit dem taxi fahren
gut gemacht. auf schusters rappen lassen sich unbekannte gegenden perfekt erkunden!
danke für dieses blog!!!
Ein sehr schöner Blog, Gratulation. Den könnten Sie fast als Reiseerinnerungen drucken lassen. Iran muss ein interessantes Land sein, zum Glück kann das Mullah-Regime ja die jahrtausendalte Kultur nicht zerstören und das gebildete, aufgeklärte und tolerante Volk nicht auf alle Zeit unterjochen.
Besuchen Sie meinen Blog einer fiktiven Geschichte eines Westeuropäers und einer emmigrierten Iranerin
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