Heute abend war ich in einer Kirche. Ja, in einer Kirche! Und das, obwohl ich in Teheran bin und mit Religion, Kirchen und Moscheen generell nichts am Hut habe. Aber meine Universität hatte Einladungen für eine Neujahrsfeier verteilt und ich war persönlich eingeladen, also habe ich mir ein Taxi genommen und bin zur Kirche “Ibrahim” gefahren. Anschauen kostet nichts und mir war schon vorher klar, daß es auf jeden Fall ungewöhnlich werden würde.
Vor Ort wurden wir alle zunächst mit Gebäck und Getränken versorgt, etwa eine halbe Stunde später ging es dann in den eigentlichen Kirchenraum. Der sah so aus, wie man sich als Kirchen-Laie auch bei uns eine weihnachtliche Kirche vorstellen würde (Kreuz, Altar und Tannenbaum = volles Programm) und war mit rund 40 Leuten auch gut besetzt. Selbst das Fernsehen war da und hat während der gesamten Prozedur mit großer Hartnäckigkeit gefilmt.
Interessanterweise war der Saal etwa zur Hälfte mit Moslems gefüllt, da – wie ich erst später im Laufe des Abends erfuhr – diese Veranstaltung die erste ihrer Art war und dementsprechend viele wichtige Gäste eingeladen wurden. Ich saß zusammen mit rumänischen Bekannten in der zweiten Reihe, direkt hinter einigen offensichtlich wichtigen Moslems, die im Laufe des Abends mehrfach persönlich begrüßt und angesprochen wurden.
Es ging dann zunächst mit Text und Gesang los, wobei man sich auf englisch – offenbar der kleinste gemeinsame Nenner – geeinigt hatte. Später wurde, um allen Seiten gerecht zu werden, aus dem Koran vorgelesen. Dies geschah allerdings nicht nur im allgemein üblichen arabisch, sondern, zur allgemeinen Verwunderung auch mit paralleler Übersetzung ins Persische. Die härteste Probe war allerdings die zweite Hälfte des Abends, als ein iranischer Gelehrter geschlagene eineinhalb Stunden lang einen Vortrag über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Christentum und Islam hielt. Komplett in persisch und für mich zu etwa drei Prozent verständlich.
Meine rumänischen Bekannten haben mich später aufgeklärt und informiert, daß dieser Vortrag wohl nicht nur tendenziell, sondern sehr eindeutig Pro-Islam war und andere Religionen darin nicht besonders gut weggekommen sind. Insofern also zumindest ein gutes Beispiel der Kirche für Nächstenliebe und christliche Toleranz… ;) Bei meinem Gespräch mit dem Pfarrer erfuhr ich später, daß der Vatikan bereits seit einigen Jahrzehnten eine permanente Außenstelle im Iran aufrechterhält und mehr Veranstaltungen dieser Art geplant sind.
Zum Ende der Veranstaltung, also nach etwas mehr als drei Stunden, kam der Weihnachtsmann und hatte tatsächlich Geschenke für uns alle mitgebracht. Im Gegenzug verteilten die muslimischen Gäste anschließend ihre Präsente an die Gastgeber. Anschließend ging es wieder in den anderen Raum, in dem wir bereits zu Beginn des Abends waren und bekamen ein reichhaltiges Abendessen serviert. Wenn das immer so läuft, könnte ich mir vorstellen, daß die Kirche auch bei künftigen Veranstaltungen nicht leer bleibt…
Alles in allem also ein gleichermaßen interessanter wie streckenweise aber auch langweiliger Abend, der sich auf jeden Fall gelohnt hat.




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