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Wer noch nie hier war und sich Teheran im Winter vorstellen will, der ist gut beraten, wenn er an eine Mischung aus Italien und der DDR denkt. Und das nicht nur in verkehrstechnischer Hinsicht…
Daß die Luft einem mitunter den Atem abschneidet, hatte ich ja schon geschrieben. Das liegt natürlich zum Teil an der Lage in den Bergen, die eine Frischluftzufuhr erschwert. Insbesondere hängt es aber mit den hier verwendeten Fahrzeugen zusammen. Kurz gesagt: Alles, was mehr als ein Rad hat und Krach machen kann, darf sich im Straßenverkehr bewegen. Der sieht dementsprechend chaotisch aus und erfordert eine gewisse Gelassenheit, um damit täglich fertigzuwerden.
Die bringen die Teheraner auch mit und obgleich permanent und mit großer Ausdauer gehupt wird, hat das nicht viel zu bedeuten. Akustisch gewarnt wird dementsprechend auch aus ganz unterschiedlichen Gründen:
- weil man den Nebenmann auf die Nähe zum eigenen Fahrzeug aufmerksam machen möchteÂ
- weil man es eilig hat und der Vordermann gefälligst Platz machen mögeÂ
- weil der Zebrastreifen nicht für Fußgänger da istÂ
- weil noch Platz im Taxi ist und der Fahrer die Passanten auf die Mitnahmemöglichkeit aufmerksam machen willÂ
Andererseits - und das ist das Erstaunliche - passiert all das ohne jeglichen Anflug von Aggessivität. Ganz gleich, ob mein Taxifahrer mitten auf der Kreuzung wendet und danach auf der falschen Seite zurückfährt (um Weg und Zeit zu sparen) oder ob Motorradfahrer bei vollem Tempo den Fußgängerweg mitbenutzen: Alles wird von allen Beteiligten ohne Klagen oder Verwunderung hingenommen. Und daher ist es für Fußgänger auch überhaupt kein Problem, selbst die vielbefahrenen Plätze und Straßen an jeder gewünschten Stelle zu überqueren. Sowohl PKWs als auch Busse bremsen zumindest soviel ab, daß man sich zwischen zwei Fahrzeugen hindurchquetschen kann. An den großen Kreuzungen existieren zwar Ampeln, ob man den Signalen allerdings Folge leistet, liegt nach wie vor im Ermessen jedes Einzelnen. Sofern Polizei vorhanden ist, beschränkt sich deren Handeln ohnehin darauf, einzelne Fahrer per Megaphon zur Weiterfahrt zu ermuntern.
Immer wieder schön zu beobachten ist beispielsweise auch, wenn mein Taxifahrer zunächst den Nebenmann an der Kreuzung mehrfach anhupt und ihm den Weg abschneidet und dann trotzdem wenige Sekunden später ganz selbstverständlich nach dem Weg fragt. Natürlich bekommt er diese Antwort ohne irgendein böses Wort. Und trotz allem (oder gerade deswegen) funktioniert der Straßenverkehr auf ganz wundersame Weise.
Als Fußgänger hat man mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen: In Deutschland wird in der Fußgängerzone eine Strafe verhängt, weil die Ausstellware des Ladens zwei Zentimeter zuviel in die Gehfläche hineinragt. Hier kann man froh sein, wenn der Bürgersteig überhaupt begehbar ist. Mitunter kommt es vor, daß er einfach endet, weil ein Gebäude darauf steht. Mitunter kann es aber auch sein, daß für anstehende Bauarbeiten die gesamte Breite als Lagerfläche für eine riesige Menge Schotter gebraucht wird.
Sofern der Bürgersteig begehbar ist, ist es die Regel, daß er alle paar Meter durch kleine Treppen oder Schrägen unterbrochen wird, weil es bautechnisch offensichtlich nicht machbar ist, daß alle Einfahrten das gleiche Niveau bekommen. Nicht nur deshalb ist es ratsam, bei jedem Schritt genauestens auf den Weg zu achten. Es kann ebenso sein, daß mitten im Weg ein Loch von einer solchen Größe und Tiefe ist, daß dort nicht nur ein Kleinkind reinpassen würde, sondern gleich auch noch der gesamte Kinderwagen Platz fände. Noch spannender wird der Fußweg in den Abend- und Nachtstunden, da die Fußwege in der Regel wenig bis überhaupt nicht beleuchtet sind. Und ich rede hier wohlgemerkt nicht von kleinen Nebenstraßen, sondern von Hauptverkehrsstraßen mit zwei oder drei Fahrspuren in jede Richrung.
Übrigens hat gestern für mich auch die Uni begonnen. Die Universität ist von außen nicht unbedingt als solche erkennbar (sonst wäre es auch langweilig) und die Suche gestaltet sich bereits dadurch spannend, daß das Institut bei seiner Anschrift keine Hausnummer, sondern den Namen der nächstgelegenen Bushaltestelle nennt. Ich hatte genügend Zeit eingeplant und mit viel Fragerei in den umliegenden Geschäften letztlich doch mein Ziel gefunden. Man könnte ja meinen, daß in einem Institut, das sich speziell an jene Ausländer wendet, die die persische Sprache erlernen wollen, zumindest auch ansatzweise englisch gesprochen wird. Fehlanzeige. Der Perser liebt seine Muttersprache derart, daß alles andere unwichtig ist und hat in dieser Hinsicht vieles mit dem Amerikaner gemeinsam.
Mit viel Gestikulation konnte ich trotzdem mein Anliegen verständlich machen und bekam schließlich einen Fragebogen zur Einstufung meines Wissens vorgelegt, mit dem der richtige Kurs für mich ermittelt werden sollte. Originellerweise in einer derart schlechten Qualität kopiert, daß ich nicht einmal die Hälfte entziffern konnte und jetzt im Kurs “Elementary 2″ sitze. Wenn es stimmt, daß der Mensch insbesondere durch Wiederholung lernt, dann kann ich in diesen dreieinhalb Wochen nicht viel falsch machen…




Also irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, lieber Matthias, dass du doch ziemlich überrascht über das Verkehrsaufkommen in Teheran bist. Anscheind bist du auch nie östlicher als die DDR gewesen (nur um mal von Italien abzulenken), denn bei meinen Aufenthalten in Ungarn oder gar Bulgarien um die Jahrtausendwende habe ich ähnliches erlebt. Wobei sich das allerdings mit der Zeit und der weiteren Entwicklung hin zu westlichen Verhältnissen etwas gelegt hat.
Was Ampeln und andere Verkehrszeichen und ihre Bedeutung vor Ort betrifft, erinnere ich mich gerne an eine Erklärung meines sizialienischen Onkels, der als hauptamtlicher Pädagoge mir den Sinn der süditalienischen Fahrweise beibringen wollte, und auch dir weiterhelfen könnte: Die Verkehrszeichen dienen ausschließlich nur dem Zweck, um bei einem durch einen Verkehrsunfall entstandenen Schaden ermitteln zu können, welche KfZ-Versicherung am Ende die Kosten trägt…
@Gaetano
Der Untschied ist wohl der, dass die Einwohnerzahl von ganz Ungarn und Bulgarien zusammen auf die eine Stadt Teheran verteilt. Entsprechend sieht wohl auch der Verkehr aus